Schlüsselerlebnis

Schlüsselerlebnis

Vor etwa 30 Jahren hatte ich einen Unfall, der bei mir wahrscheinlich einiges ausgelöst hat. Ich war Leiter in einem Lager und wir machten ein Spiel in der Nähe von Felsen. Ich hatte keine Ahnung, wie weit es hinter diesen Felsen runtergehen würde. An der höchsten Stelle waren es etwa 12 Meter und das Schicksal bestimmte es, dass ich an dieser Stelle im freien Fall runterstürzte.

Es ist sehr schwer zu beschreiben, was in einem Menschen bei einem solchen Erlebnis durch den Kopf geht. Obwohl es ein schlimmes Erlebnis ist, habe ich nicht nur schlechte Erinnerungen daran. Der Sturz dauerte für mich eine Ewigkeit. Man verliert das Zeitgefühl und denkt, er hätte einige Minuten gedauert. Erstaunlicherweise hatte ich keine Angst. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch einen Tunnel mit hellen Wänden gleiten würde. Durch diese Wände hindurch sah ich eine fröhliche, helle Landschaft. Ich hörte nichts, hatte nicht kalt oder warm (es regnete und es war im Winter) und fühlte mich sehr entspannt und geborgen. Es geht einem natürlich schon der Gedanke durch den Kopf, wie verheerend die Folgen des Sturzes werden könnten, aber Panik kam keine auf. Je länger der Sturz dauerte, desto mehr kam die Gewissheit auf, dass es am Ende eine Lösung geben musste.

Viele denken, bei einem solchen Erlebnis sieht man nochmals sein ganzes Leben wie einen Film ablaufen. Das war bei mir nicht so. Man denkt eigentlich an gar nichts, sondern man geniesst die Situation, so blöd das auch klingen mag. Man fragt sich, was einem am Ende des Tunnels erwartet. Soweit kam es aber nicht. Bis zum Ende des Tunnels kam ich nicht… ich war vorher unten… Anscheinend war mein Moment noch nicht gekommen. Wieso nicht? Was habe ich noch zu erledigen?

Den Aufprall spürte ich nicht, und ich glaube nicht, dass ich bewusstlos wurde. Ich bekam einen sehr langen Moment lang keine Luft. Danach fühlte ich mich einfach benommen und mir tat alles weh. Unterhalb des Beckens spürte ich gar nichts und ich konnte die Beine nicht bewegen. In der Brustgegend hatte ich grosse Schmerzen. Es dauerte eine halbe Stunde, bis man mich fand und dann nochmals etwa eine Stunde, bis es die Sanität durch das unwegsame Gebiet zu mir rauf geschafft hatte. Als sie die Stelle fanden, konnten sie nicht glauben, dass ich wirklich dort runtergefallen bin.

Der Transport war ein Horror. Durch das Dickicht konnte die Bahre der Sanität unmöglich transportiert werden und so wurde ich aus eine mit Zeltblachen gebastelten Bahre runter getragen. Dies dauerte nochmals fast eine Stunde, hatte man doch Bedenken, was bei mir alles gebrochen sein könnte, z. B. das Rückgrat. Wie durch ein Wunder war ich aber kaum verletzt: Voller Schürfungen und 4 Rippen gebrochen. Am selben Tag durfte ich das Spital wieder verlassen.

Nach einem solchen Erlebnis betrachtete ich viele Dinge im Leben ganz anders als vorher. Was ist wichtig und was eben doch nicht so. Man lernt Dinge schätzen, die vorher als selbstverständlich galten. Leider blieb das nicht lange so. Ein paar Jahre später dachte ich kaum mehr daran.

Allerdings hatte ich ab diesem Moment manchmal seltsame Erlebnisse. Wenn ich Menschen begegnete, fühlte ich manchmal die Probleme, welche sie mit sich herumtrugen. Erst später merkte ich, dass diese “Visionen” erst nach diesem Sturz kamen und ein Zusammenhang bestehen muss. Manchmal war sich auch der Betroffenen selbst diesen Problemen nicht bewusst. Später bestätigten sich diese Gefühle dann, da das Problem so gross wurde, dass es ausbrach. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl. Da ich eigentlich nur an das glaubte, was man fassen kann und was logisch erklärbar ist, hatte ich nie tiefer darüber nachgedacht und verdrängte es einfach.

Allerdings kam mir auch oft das Gefühl auf, dass ich in vielen Fällen diesen Menschen, die ich da krank “voraussah”, helfen könne. Ich hatte nicht die geringste Ahnung wie ich das tun sollte, aber das Gefühl war da. Ich bemerkte auch, dass Menschen in Not sehr oft Rat bei mir suchten und sich nach dem Gespräch viel besser fühlten. Ich erklärte das mit Einfühlsvermögen und Intuition. Sicher war ich mir aber nie. Es dauerte viele Jahre, bis ich der ersten Person begegnete bei der ich lernte, dass und wie ich helfen kann.

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